Exposé zur Ausstellung

Robby Gebhardt kam erst spät zur Kunst. Sie hat ihn, wie er selber sagt, mitten in einer Krise seines Lebens ergriffen und fortan nicht mehr losgelassen. Krisen lassen immer zwei Wege offen: Sich selbst zu entgleiten – eine Sackgasse ohne Ende; oder aber sich zu entscheiden für den Weg nach vorne, in die Fülle neu zu erschließender Lebensmöglichkeiten. Die Entscheidung für die Kunst war eine Entscheidung für die Zukunft. Es war und ist die Entscheidung, in der Kunst und durch die Kunst die unablässige Suche nach dem Sein aufzunehmen.

In der aktuellen Form der künstlerischen Auseinandersetzung steht das Kreuz und der Holztrog – die Molle.

Die Molle

Die Molle ist aus einem einzigen Stück Holz geschnitzt. Die Molle, in der der Brotteig reift, die Molle, in der das Schwein geschlachtet und das Blut aufgefangen wird. In der Molle entsteht Brot für das Leben und in der Molle wird Leben beendet. Die Molle – der Trog – ist auch die Grundform eines archaischen Musikinstrumentes, da er als Resonanzkasten dienen kann. Die Molle steht für den Anfang und für das Ende. Die Molle – der Holztrog – gehört zum landwirtschaftlichen Inventar aller Kulturen. Die Molle ist Anfang und Ende und Verbindung zu gleich.

Die Molle und das christliche Kreuz – beide werden bei Robby Gebhardt kombiniert. Für den einen befremdlich, für den anderen vertraut.

Das Kreuz – aus Brot, aus rostigem Stahl –  wird neu inszeniert. Das Kreuz in der Molle – Anfang und Ende des Kreuzes.

Die Kindheit von Robby Gebhardt geprägt von der Flucht, dem Verlieren von Heimat, dem Suchen nach Heimat, dem Suchen nach Anfang und Ende. Der Holztrog – ein Holzsarg gibt namenlosen Gestrandeten wieder eine Heimat. Fotosequenzen von Robby Gebhardt dokumentieren den „Friedhof der Namenlosen“ auf der Insel Amrum. Hier werden sie alle beerdigt, die Angeschwemmten, die Wasserleichen, die niemand kennt, deren Namen und Herkunft niemand kennt. Der Friedhof der Namenlosen gibt dem „menschlichen Treibgut“ wieder eine Heimat. In der Holzwiege nach der Geburt geschützt und dem Holzsarg nach dem Tod aufgehoben und der Erde wiedergegeben. Das menschliche Treibgut bekam ein Holzkreuz auf dem Grab, nur mit einem Datum – gesichtslos, namenlos.

Und genau das ist es, was der Künstler nicht ertragen wollte: Gesichtslose. Vergraben unter dem Nummernkonto ihres Anschwemmungsdatums. Jedes Grab hat er fotografiert, die Fotos in Gläser gesteckt, Wasser hinzugefügt, sie Licht und Wasser ausgesetzt und damit dem langsamen Zerfall preisgegeben, wie die Leiber im Wasser der See. Die Kreuze auf den Bildern sind nur noch verschwommen zu sehen, keine Zahlen mehr, Gläser mit Schemen. Die Gesichtslosen bekommen individuelle Farben und Schemen: Gelb-Weiß-Rot-Grün: Auflösung, Umwandlung –  Verwandlung? Nacharbeiten des Schicksals? Nein! Arbeit vielmehr an unseren eigenen verborgenen Ängsten.


Das Kreuz
Ein Balken längs, ein Balken quer.
Das Kreuz – im Wege.
Aus der Fassung geraten.
Quer gekommen.
Aus-gefallen.
Immer das Kreuz.
Ein Balken längs, ein Balken quer.
Die Gestalt eindeutig.
Die Deutung vielgestaltig.
Ein Balken längs, ein Balken quer – das Kreuz.

(Dr. Annette Soete (ꝉ), Köln, anlässlich einer
Ausstellungseröffnung von Robby Gebhardt)

Das Mumifizieren – eine von Robby Gebhardt entwickelte Darstellungsform – ist das Illustrieren von Erlebten. In vielen Werken wird dieses Illustrieren verwendet, um Lebensabschnitte zu konservieren, zu verarbeiten oder zu beenden. Oft sind die Werke nicht abgeschlossen, soll heißen, sie sind erweiterbar, sie können ergänzt aber auch reduziert werden. Arbeiten in der Natur sind den Einwirkungen derselben ausgesetzt und werden verändert (Land Art). Robby Gebhardt sammelt Treibgut und verbindet in seinen Werken in ganz eigenem Kontext die realen Spuren des Lebens mit sakralen Themen. Mittels der Mumifizierung, ein additives Verfahren, werden Schicht um Schicht Gedanken und Emotionen um das Objekt gewickelt und mit Farbe und Holzleim verschlossen, so dass eine unverwechselbare, individuelle Plastik entsteht.

Die Mumifizierung wird von Robby Gebhardt als künstlerische Technik zur Konservierung von Lebenserinnerungen eingesetzt. Das jeweilige Kunstwerk stellt somit eine biografische Mumie dar. Die Mumifizierung in der Antike wollte den Körper für ein Leben nach dem Tod erhalten. Die Mumifizierung der biografischen Lebensabschnitte und Objekte will diese für eine noch nicht bekannte Welt / für die Nachwelt / für den Künstler selbst erhalten.

Der Ablauf der Mumifizierung selbst stellt einen Prozess dar, bei dem die Lebensabschnitte im wahrsten Sinne verarbeitet, archiviert und somit sinnlich abgeschlossen werden.

Eine biografische Schrift will ein Leben erzählen und der Nachwelt zugänglich machen. Der Künstler Robby Gebhardt macht es seiner Nachwelt nicht so einfach. Er mumifiziert seine Lebensdokumente und somit sein Leben.

Entgegen dem eigentlichen Sinn einer Mumifizierung, bei dem der Körper erhalten bleibt, werden bei der Mumifizierung die biografischen Dokumente archiviert aber auch versteckt. Das biografische Dokument wechselt durch die Mumifizierung von der Gegenständlichkeit hin zur gedanklichen Welt.

Bei der Mumifizierung wird entweder das ganze biografische Objekt – wie eine Brille, ein Buch, ein Artikel – mit Mullbinden umhüllt. Der technische Vorgang des Umbindens wird zu einen biografisch-künstlerischen Akt, der die früheren und die aktuellen Gedanken zu diesen Lebensbezügen symbolisch verbindet.

Das Versiegeln der Oberfläche der Mullbinden mit Leim versiegelt auch zugleich die eingeschlossene biografische Gedankenwelt des Künstlers.

Die Struktur der Mullbinden gibt in ihrer Zufälligkeit die Vielfalt der Gedanken wieder. Jede gelegte Bahn mit einer Mullbinde spiegelt auch die zeitliche Bahnung der Gedanken wieder – Gedanken von Robby Gebhardt, die zu seiner Sprache werden. Die Farben Schwarz und Weiß der Mullbinden geben die Totenwelt und die Auferstehung wieder.

Die Mumifizierung in der Antike diente auch dazu, den Verstorbenen besuchen und anschauen zu können. Bei den mumifizierten Bildtafeln und Objekten kann der Betrachter zwar schauen, die eigentliche Gegenständlichkeit aber meist nicht oder nur andeutungsweise erkennen. In der Gedankenwelt des Betrachters wird das vermutete Objekt, der verhüllte Lebensabschnitt lebendig.

Das „Schweigende Buch“ – eine mumifizierte Bibel oder ein Karl-May-Roman oder eine Biographie eines unbekannten Menschen – regt die Gedankenwelt des Betrachters an. Die mumifizierte Bibel reiste in verschiedene Orte – Bonn, Köln, Lüneburg, und lag in einigen Kirchen aus. „Hatte die Bibel nichts mehr zu sagen?“, „Schweigt Gott?“ waren einige Stimmen dazu. Die Mumifizierung zeigt die Leere des Buches, wenn der Betrachter keinen Bezug dazu hat. Die Mumifizierung regt zugleich eine freie Gedankenwelt des Betrachters an, wenn der Betrachter es auch zu lässt. Ein Blick auf das mumifizierte Buch, lässt ein eigenes Buch in Gedanken öffnen. Bücher, die Lebensabschnitte sind.

Stahlbücher, rostig, schwer, unhandlich – perspektivisch drapiert. Wieder Bücher, in die der Betrachter nicht lesen kann. Schwere Bücher – Lebensabschnitte – die schwer wiegen. Geschlossene Bücher, deren Inhalt abgeschlossen sind. Das Erlebte, die Handlung – besiegelt, festgehalten, nicht veränderbar. Woraus würde der Betrachter seine „Bücher“ gestalten? Wie würde der Betrachter seine „Bücher“ drapieren?

M.A.SH.
ModernArt Showroom

Kirchstrasse 25/Ecke Drususplatz 53424 Remagen
Dauer der Ausstellung
03.12. – 31.12.2016